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Kap. 35: Lokomotive 1-B + B-1 der Allgemeinen Elektricitätsgesellschaft.



Bestellung als BLS 101 (Lötschberglokomotive)




Fig. 1 (Werkfoto A.E.G.)





Fig. 2 (Werkfoto: A.E.G.)

An der Ausschreibung von Prototyplokomotiven bewarben sich A.E.G., Berlin, und Krauss & Comp., München, um eine Personen- und Güterzuglokomotive für die neu erbaute Schweizer Bern-Lötschberg-Simplon-Bahn (BLS). Im Jahre 1909 stellten Krauss (mechanischer Teil) und der A.E.G. (elektrischer Teil) die 1'B + B1'-Doppellokomotive als BLS-Gattung F 2 x 2/3 (Fußnote 1), Betriebsnummer 101, fertig. Fig. 1 (Werkfoto A.E.G.), Fig. 2 (Werkfoto: A.E.G.) und Fig. 3 (Werkfoto: A.E.G.) zeigen die w2k-Güterzulokomotive im Anlieferungszustand mit Bügelstromabnehmern und BLS-Beschilderung (letzteres auf dem A.E.G.-Werksareal). Sie sollte im Personen- und Güterzugdienst folgendes Betriebsprogramm erfüllen: 250 t auf 27 ‰ Steigung mit 40 km/h und 400 t auf 15,5 ‰ Steigung mit 40 km/h während einer Stunde.





Fig. 3 (Werkfoto: A.E.G.)



1909 wurden Probefahrten auf der Oberbau-Versuchsstrecke der KPEV bei Oranienburg durchgeführt. 1910 wurde die Lok zur BLS überführt und absolvierte zwischen Dezember 1910 und März 1911 Testfahrten auf der Strecke zwischen Spiez und Frutigen, bei denen sie insgesamt 1278 km zurücklegte - allerdings ist nicht bekannt, ob die Lokomotive 101 je aus eigener Kraft durch den Hondrichtunnel bis nach Frutigen gelangte. Fig. 4 zeigt die Lok 101 vor dem BLS-Depotgebäude in Spiez und Fig. 5 zeigt sie zusammengekuppelt mit der Dampflokomotive Ec 4/5 13 ebenfalls im Bahnhof Spiez.

 




Fig. 4




Fig. 5

Bei diesen Versuchen wurde die Lokomotive mit einer von der Schweizer Lokomotiv- und Maschinenfabrik (SLM) in Winterthur und der Maschinenfabrik Oerlikon (MFO) gelieferten C'C'-Lokomotive Fe 2 x 3/3 (später Ce 6/6), Betriebsnummer 121 verglichen. Letztere erwies sich als die leistungsfähigere der beiden Maschinen. Trotz der hervorragenden Kurvengängigkeit waren die Mängel der AEG-Lok so erheblich, dass die Lok schon nach vier Monaten für Umbauten nach Berlin zurückgeschickt wurde. Die Lok kehrte anschließend nicht mehr in die Schweiz zurück und die BLS nahm von ihrem Ankauf Abstand.


EG 509/510 Halle, Versuchslok der KPEV




Fig. 6

Da sich die KPEV zu dieser Zeit mit dem Projekt der Elektrifizierung der Berliner Stadt- und Vorortbahnen mit Einphasenwechselstrom befaßte und geeignete Triebfahrzeuge suchte, übernahm 1912 die KPEV die Lokomotive als Gattung EG Baureihe 509/510 für weitere Versuchszwecke ihren Bestand an Versuchsfahrzeugen. Fig. 6 zeigt die Lok nach dem Ankauf durch die KPEV mit Scherenstromabnehmer (Fig. 7 und Fig. 8: Maßskizzen der EG 509/510 im Anlieferungszustand).





Fig. 7


Fig. 8





Fig. 9

Als EG 509/510 wurde die Versuchslokomotive zahlreichen Erprobungsfahrten auf der Versuchsstrecke bei Oranienburg (Fig. 9; Werkfoto: A.E.G.; Fußnote 2) und später - nach dem Umbau auf 16 2/3 Hz (zuvor 15 Hz) - auf der Strecke Bitterfeld - Dessau unterzogen. Da die Lokomotive teilbar und jede Hälfte für sich betriebsfähig war, befanden sich die Lokomotivhälften jeweils an den Enden der aus zehn dreiachsigen Abteilwagen bestehenden Versuchszüge. Fig. 10 zeigt die geteilte 1'B + B1'-Lokomotive mit einem Berliner Stadtbahnversuchszug (Fußnote 3) auf der Bitterfelder Strecke. Ebenso wurden Versuche mit einem sogenannten Halbzug , bestehend aus einer Lokhälfte, vier Abteilwagen mit behelfsmäßigem Führerstand im vorauslaufenden ersten Wagen, durchgeführt. Zwischen 29. Juli und 20. September 1912 führte die KPEV einen Dauerversuch mit 13 neuen Stadtbahnwagen, beladen mit 300 t Bremsklötzen als Ballast - sechs paarweise gekuppelte Doppelwagen und ein Einzelwagen - über 20000 km durch.





Fig. 10



Zur Fernsteuerung der einen Lokomotivhälfte von der anderen aus, führte man die nötigen Steuerleitungen am Zuge entlang. Bei diesen Vorversuchen für die Elektrifizierung der Berliner Stadt-, Ring- und Vorortbahnen sollen Geschwindigkeiten bis 75 km/h erreicht worden sein. Wiederholt gab es Beanstandungen wegen der harten und unruhigen Laufeigenschaften sowie der Rüttelschwingungen, die vom Stangenantrieb ausgingen. Die KPEV setzte die Versuchsfahrten bis Anfang 1914 fort.



Die Lok war bei der Betriebswerkstätte Bitterfeld beheimatet. Inwieweit die EG 509/510 im planmäßigen Streckendienst eingesetzt wurde, ist nicht bekannt. Am 4. August 1914 wurde die Lok wegen der kriegsbedingten Einstellung des elektrischen Zugbetriebs auf der Strecke Dessau - Bitterfeld (Stillegung am 8. August 1914) abgestellt und nach dem Kriegsende 1918 nicht wieder in Betrieb genommen. Ein Einsatz bei der KED Breslau - hier fanden Versuchsfahrten mit den Triebgestellen EB 1 bis EB 3 statt - ab 1915/16 ist nicht überliefert.



Wegen ihrer Vielfältigkeit, z. B. waren alle Steuerungsorgane doppelt vorhanden, und ungleichen Masseverteilung wurde das Einzelstück EG 509/510 zum 22. Januar 1923 (Fußnote 4) von der P.St.E.V. (vormals KPEV) ausgemustert.


Fußnoten


In der Literatur wird die BLS-Lok auch mit Fb 2 x 2/3 oder Be 4/6 bezeichnet. Nachweislich war an der Lokomotive die Bezeichnung F 2 x 2/3 angebracht. 
Manche Quellen weisen dieses Bild auch den Versuchsfahrten von 1909 zu. 
Glasers Annalen vom 01.01.1917
Die Steuerung der elektrischen Wechselstrom-Hauptbahnlokomotiven der preußischen Staatsbahnen.
Regierungsbaumeister B. Wachsmuth, Berlin-Steglitz 
Verschiedene Quellen weisen eine Ausmusterung zum 4. Februar 1922 aus.